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Der Acker als Lebensraum: mehr BIOdiversität durch BIOlandbau?

Unter den ökologischen Leistungen des Bio-Landbaus ist der Einfluss auf die Biodiversität bisher wenig beachtet worden. Den Zusammenhang zwischen Bewirtschaftung und biologischer Vielfalt untersuchen zwei Forschungsprojekte am Institut für Ökologischen Landbau der BOKU.

Biolandbau
Foto: Markus Heinzinger
Der zentrale Leitgedanke im biologischen Landbau ist eine umweltverträgliche und Ressourcen schonende Lebensmittelproduktion, die ökologische Zusammenhänge in der Natur berücksichtigt. Der Bio-Landbau fördert die Bodenfruchtbarkeit durch organische Düngung und verzichtet auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. Er setzt damit Maßnahmen, die sich positiv auf das Vorkommen von zahlreichen Organismen auswirken. Biologische Landwirtschaft muss außerdem auf eine ausgewogene, abwechslungsreiche Fruchtfolge achten und beeinflusst damit die Lebensraumvielfalt.

Am Institut für Ökologischen Landbau der Universität für Bodenkultur beschäftigen sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit den Auswirkungen des Bio-Landbaus auf die Biodiversität. Diese sichtbar zu machen und Erfahrungen über den Einfluss bestimmter Bewirtschaftungsweisen zu sammeln, sind Zielsetzungen zweier laufender Forschungsprojekte.

Welchen Beitrag leistet die biologische Landwirtschaft für die biologische Vielfalt? Lassen sich diese Leistungen „messen“?

Biolandbau
Foto: Markus Heinzinger
Es liegt im Wesen von „Vielfalt“, dass sie kaum überschaubar ist. Begrenzt sind die Möglichkeiten, Biodiversität umfassend zu erheben: Arbeits- und Zeitbedarf für Felderhebungen, notwendiges Spezialwissen oder technisch aufwändige Laboranalysen sind nur einige der Gründe.

Ein wissenschaftlicher Ansatz besteht darin, Kenngrößen zu identifizieren, auch „Indikatoren“ genannt, die Schlüsselfaktoren im Ökosystem beschreiben und Rückschlüsse auf den Zustand der Biodiversität zulassen. Dabei werden verschiedene Betrachtungsebenen angelegt. Bestimmte Indikatoren versuchen die wichtigsten Einflussgrößen zu erfassen. Im Fall der Landwirtschaft beschreiben sie die Bewirtschaftungsintensität (Art und Menge der Düngung, Pestizideinsatz, Tierhaltung, Form der Wiesenbewirtschaftung etc).

Das Vorkommen von Organismen wird anhand ausgewählter Gruppen ermittelt, die eine funktionelle Bedeutung im Ökosystem haben (z.B. Bestäubung, Umsetzung organischer Substanz) und sensibel auf die landwirtschaftliche Bewirtschaftung reagieren. Die Flora spielt als Indikator eine wichtige Rolle, da sie Rückschlüsse über die ökologischen Voraussetzungen des Standortes und über die Bewirtschaftung erlauben. Weiters lassen sich aus der Strukturierung der Landschaft auch direkte und indirekte Schlussfolgerungen über die Biodiversität ziehen.
Zur Biodiversität von Agrarökosysteme zählen selbstverständlich auch Kulturpflanzen und Nutztiere. Spezielle Indikatoren erfassen daher diese Artenvielfalt am Betrieb und ermitteln, welche Pflanzensorten und Haustierrassen vorkommen.

Im laufenden Forschungsprojekt „BioBio - Indikatoren für Biodiversität in biologischen und extensiven Landwirtschaftssystemen“ wird ein Indikatorenset entwickelt, mit dem Zustand und Entwicklung der Biodiversität auf Landwirtschaftsbetrieben stichprobenartig erhoben werden können.

Wie verändert sich Biodiversität durch die Umstellung auf biologische Landwirtschaft?

Luzerne am Ackerrandstreifen
Foto: Markus Heinzinger
Dieser Frage gehen Forscher unterschiedlicher Disziplinen der Universität für Bodenkultur und externer Partner unter der Leitung des Instituts für Ökologischen Landbau nach. Gegenstand einer Langzeituntersuchung ist ein seit dem Jahr 2002 auf die biologische Wirtschaftsweise umgestellter Ackerbaubetrieb im Marchfeld in Niederösterreich. Das Projekt mit der Kurzbezeichnung MUBIL wird vom Lebensministerium finanziell gefördert.

Mit Felderhebungen soll geklärt werden ob, wie rasch und in welchem Ausmaß die Biodiversität am Betrieb durch die biologische Bewirtschaftung gesteigert werden kann. Als Indikatoren für die Änderung der Biodiversität dienen Bodentiere, Nützlinge, Wildbienen, Brutvögel und Ackerwildkräuter. Der Betrieb liegt in einer überwiegend landwirtschaftlich intensiv genutzten Region mit wenige naturnahen Flächen. Im Projekt werden daher Versuche zur gezielten Erhöhung der Pflanzenvielfalt und des Blütenangebots für Nützlinge mittels Ökostreifen (Nützlings- und Blühstreifen in Ackerflächen) durchgeführt.

Erste Ergebnisse zeigen, dass vor allem die Brutvogelfauna sehr rasch auf die geänderten Lebensbedingungen mit einer deutlichen und stetigen Zunahme der Artenzahl und Siedlungsdichte reagiert hat. Ein Grund dafür war die Aufnahme der Luzerne in die Fruchtfolge des Biobetriebes. Die Leguminose Luzerne besitzt für die biologische Bewirtschaftung wichtige Eigenschaften, wie z. B. Bindung von Luftstickstoff oder Humusanreicherung. Sie hat sich darüber hinaus als ein wertvolles Habitat für Brutvögel und Nützlinge erwiesen. Das Bestandsmanagements der Luzerne sollte jedoch auf die Anforderungen der Tierarten angepasst werden. Neu angelegte Ökostreifen stellen ebenfalls einen attraktiven Lebensraum dar. Artenzahlen und Dichte der Nützlinge Laufkäfer und Schwebfliegen sowie der Wildbienen waren aufgrund des Angebots an Blüh- und Pollenfutterpflanzen in den Streifen hoch. Die natürliche Schädlingsregulation am Biobetrieb wird durch die Nützlingsförderung gestärkt.

Wildbiene
Foto: Bärbel Pachinger
Die Artenzahlen und Dichten der Bodentiere (Milben und Springschwänze) in den Ackerflächen reagierten verzögert auf die Umstellung und haben sich erst nach fünf Jahren  nach oben entwickelt. Die Anzahl der Ackerwildkrautarten in den Ackerflächen stieg zwar mit Beginn der Umstellung sprunghaft an, blieb aber bisher konstant auf einem eher geringen jährlichen Niveau von 37 bis 53 Arten. Ein Zuwachs an Samenpotential ist durch die intensive nicht-biologische Bewirtschaftung im Umfeld des Betriebes eingeschränkt.


Für nähere Informationen zur Biodiversitätsforschung und weiterer Forschungsthemen im

Institut für Ökologischen Landbau, BOKU Wien,
Gregor Mendel Straße 33
1180 Wien
www.nas.boku.ac.at/oekoland.html

Projekt MUBIL
DI Andreas Surböck
Tel. 01/47654-3762
andreas.surboeck@boku.ac.at
http://mubil.boku.ac.at/

Projekt BioBio
Dr. Jürgen Friedel
juergen.friedel@boku.ac.at

Mag. Michaela Arndorfer
Tel. 01/47654-3769
michaela.arndorfer@boku.ac.at
www.biobio-indicator.org

25.01.2010, vielfaltleben Redakteur